814 - 1933

Die Merowingerzeit

Der Ursprung Ingelheims mit seinen geschlossenen, weilerartigen Siedlungen und Wüstungen geht zurück ins Früh- und Hochmittelalter auf die Zeit der fränkischen Landnahme - belegt durch archäologische Funde. Ein großes römisches Fiskalgut bildete die Grundlage eines merowingischen Königshofes und somit auch die Basis für eine Pfalzgründung. Diese Pfalz, auf der Gemarkung Nieder-Ingelheim gelegen, war für Kaiser Karl den Großen eine seiner bevorzugten Aufenthaltsorte. Die beiden reichsfreien Ingelheim - in historischen Urkunden als Ingelheim und Ingelheim genannt - und die Dörfer des unteren Selztales bildeten die wirtschaftliche Grundlage der Ingelheimer kaiserlichen Pfalz.

Zum Ingelheimer Reich gehörten die acht Orte:
(Ober)-Ingelheim, (Nieder)-Ingelheim, (Groß)-Winternheim, (Frei)-Weinheim,  Wackernheim, (Sauer)Schwabenheim, Bubenheim und Elsheim.

788 kam es im Ingelheimer Saalgebiet zu einem historisch wichtigen Ereignis. Im dort errichteten “palatium” wurde im Rahmen eines Reichstages ein Prozess gegen Bayernherzog Tassilo II. als Teil der Maßnahme zur Einbeziehung Bayerns in das fränkische Reich geführt.

Die Zeit Karls IV. und die Verpfändungen

Nach mehrfachen Verpfändungen hat Kaiser Karl IV. das Gebiet des Ingelheimer Reichs am 12. Februar 1375 endgültig an Kurfürst Rupprecht den Älteren von der Pfalz verpfändet. Das Gebiet war ausgestattet mit weit reichenden kaiserlichen und kurpfälzischen Privilegien - dazu gehörte das besondere Recht der Grund,- und Gerichtsherrschaft auch über das Dorf Daxweiler und dessen Gemarkung auf dem Hunsrück -, die bei jeder Neuwahl eines Kaisers bzw. Kurfürsten erneuert wurden.

Die Kurpfalz, ein wittelsbachisches Fürstentum, gehörte im Westen zu den einflussreichsten Territorien des Römischen Reiches Deutscher Nation. Noch kurz vor der Verpfändung erkannte Kaiser Karl IV. die Würde Ingelheims an: Er stiftete dort persönlich eine Kapelle. Vor Ort bezog man sich klar auf Karl den Großen. Neben der bäuerlichen Führungsschicht waren es vor allem ritterschaftliche Familien, die in den ehemaligen Kronländern begütert waren. Die Grundlage der rechtlichen Ordnung des Ingelheimer Grunds waren Weistümer d.h., immer wieder rituell bestätigte lokale Normen, die die Rechte und Pflichten von Herrschaft und Gemeinden klar regelten. Die wichtigsten Institutionen, die diese Sonderstellung der kleinen Gemeinwesen aufrecht erhielten und untermauerten waren ihre Gerichte.

Die kurpfälzische Zeit

Ingelheims bekanntester Bürger des Mittelalters Sebastian Münster, war ein Kosmograph, Humanist und Hebraist (geb. 20.01.1488 in Nieder-Ingelheim; verstorben 26.05.1552 in Basel). Die Cosmographia, sein Hauptwerk, gilt als erste wissenschaftliche und zugleich allgemeinverständliche Weltbeschreibung in deutscher Sprache.

Kurfürst Otto Heinrich von der Pfalz (Ottheinrich) führte bei Regierungsantritt 1556 die Reformation in seinem Herrschaftsgebiet ein, im Dreißigjährigen Krieg durch  spanische Besatzung wieder aufgehoben. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 durfte verpfändetes Kronland nicht mehr vom Kaiser ausgelöst werden. Damit war eine direkte Unterstellung Ingelheims zum Kaiser nicht mehr möglich. Als Ergebnis wurde u. a. durch den kurpfälzischen Kammergerichtshof das Ingelheimer Oberhofgericht 1680 endgültig aufgehoben. Ingelheim verlor sein besonderes Recht der Grund- und Gerichtsherrschaft.

Der politische Mittelpunkt des Ingelheimer Reichs lag unter kaiserlicher Herrschaft in Nieder-Ingelheim. In kurpfälzischer Zeit ab Mitte des 14. Jahrhunderts änderte sich dies u. a. auch durch den Sitz des Oberhofgerichts in Ober-Ingelheim. Als Hauptort des Ingelheimer Grunds entwickelte sich im späten Mittelalter Ober-Ingelheim zu einem politischen und wirtschaftlichen Zentrum im Selztal.

Die französische Revolution

Mit der Französischen Revolution wurden „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auch zum Fanal selbstbewusster Ingelheimer Bürger. Ab 1801 war das von Napoleon annektierte linksrheinische Gebiet als französisches Departement du Tonnerre (Donnersberg) (1801-1814) eingerichtet worden. Es stand zunächst unter Sonderverwaltung durch den Generalkommissar der vier linksrheinischen Gebiete Jeanbon Baron de St. André, der im Februar 1802 zum ersten französischen Präfekten des Départements du Mont-Tonnerre (mit Sitz in Mainz, Erthaler Hof) ernannt wurde. Mit der Übernahme der Verfassung von 1802 wurde dieses Departement den innerfranzösischen Départements gleichgestellt und erhielt die Nummer 100.

Die Bevölkerung war nun Teil eines großen Wirtschaftsraumes ohne lästige Zoll und Zunftschranken. Privilegien des Adels und der Kirche sowie alle Feudalabgaben wurden abgeschafft. Kirchengüter als Nationaleigentum beschlagnahmt und an reiche Bürger und Bauern, auch nichtortsansässige, verkauft. In Ingelheim hatten besonders die adligen Familien unter den politischen Veränderungen zu leiden. Nachdem ihr gesamter Besitz konfisziert wurde, verließen sie Ingelheim und zogen auf die andere Rheinseite ins nichtbesetzte Kurmainz. Die männliche Bevölkerung der eroberten Gebiete wurde zum Dienst in der napoleonischen Armee herangezogen und musste an den französischen Eroberungskriegen teilnehmen, in denen auch viele Bürger Ingelheims ums Leben kamen.

Das französische Gesetzbuch „Code civil“ veränderte das politische und soziale Gesicht Ingelheims. Der Code civil stand wie im französischen Kernland für Rechtsgleichheit und öffentliche Gerichtsverfahren für jeden Bürger. Das kurfürstliche Oberamt Oppenheim wurde aufgelöst und die rheinhessischen Orte: Alzey, Bingen, Bechtheim, Oberingelheim, Kirchheimbolanden, Mainz, Nieder-Olm, Oppenheim, Wöllstein und Wörrstadt als Kantonssitz der Verwaltung bestimmt. Mit Wiener Kongresses (1814/15) endete endgültig die Napoleonische Expansion in Europa. Als Ergebnis wurde u. a. das Gebiet um Mainz als Provinz Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen gegeben.

Das 19. Jahrhundert und die Industrialisierung

Revolutionäres Gedankengut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie die Schaffung eines einheitlichen Deutschen Staates 1870/71 durch Reichskanzler Bismarck veränderten wiederum politische und soziale Strukturen Ingelheims. Besonders hervorzuheben ist der Kreisgerichtspräsident Dr. jur. Martin Johann Mohr, geb. 6.6.1788 in Warmsroth (Hunsrück), verst. 6.5.1865 in Ober-Ingelheim – sein Grab befindet sich auf dem Friedhof an der Burgkirche. Er nahm als Delegierter 1848 an der Nationalversammlung in Frankfurt am Main teil, 1850 war er Hessischer Landtagspräsident.

Mit der ersten Fahrt der „Ludwigsbahn“ im Dezember 1859 zwischen Bingen und Mainz begann auch für die Region Ingelheim die industrielle Zeit. Durch den  Güter- und Personenverkehr der Eisenbahn verkürzten sich die Fahrzeiten enorm, was eine höhere Lebensqualität in den umliegenden Dörfern zur Folge hatte. Nieder-Ingelheim erlangte nun eine größere Bedeutung als Ober-Ingelheim, das weiter entfernt ohne direkte Straßenanbindung zur Bahnstation lag. Das vielfältige Angebot von Arbeit durch die Ansiedlung von neuen Firmen veränderte auch soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Eine weitere Auswanderung der hauptsächlich armen Bevölkerung konnte gestoppt bzw. eingedämmt werden. Nieder-Ingelheim entwickelte sich vom rein bäuerlich zum überwiegend industriell geprägten Ort. Ober-Ingelheim hingegen verlor seine Bedeutung als Kantonssitz der Verwaltung und blieb bäuerlich geprägt – in der Hauptsache durch den Weinanbau.

Ansiedlung von Industrien

Ab 1865 siedelten sich auf der Gemarkung Nieder-Ingelheim aufgrund der nun hergestellten schnellen Verbindung zu Absatzmärkten zahlreiche industrielle Firmen an. Zu Ihnen gehörten u. a.:
Franz KÖHLER Traubenzuckerfabrik, Karl KREBS PORTLANDZEMENT, Isaac HERMANN Knochensiederei, Gustav D’AVIS u. Dr. KLEIN Fabrik zur Herstellung von chem. Dünger, HEYER & PISTOR Papierstofffabrik-Fabrik, Albert Boehringer chem. Fabrik, Avenarius, Emil Jänecke Strohstoff/Holzwoll-Fabrik, OTT & Heinrich, Schwärzefabrik, Heinrich Koch Düngefabrik, Julius KAHLING Ingelheimer Maschinenfabrik. Von den zahlreichen industriellen Ansiedlungen ist nur noch das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim übrig geblieben.

Als Folge der Ansiedlung vieler Firmen mit mehr als 5 Mitarbeitern in Nieder-Ingelheim gründeten sich auch zahlreiche Kleingewerbe- und Familienbetriebe. Die Bevölkerungszahl wuchs. Waren es im Jahr 1885 noch 2729 Einwohner, so wurden in Nieder-Ingelheim zwanzig Jahre später schon 3500 Einwohner gezählt. Um den zahlreich vorhandenen Kindern die gesetzliche Schulbildung zu garantieren, musste 1911 durch die Gemeinde eine neue Schule (heutige Pestalozzi-Schule) gebaut werden.

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung waren die hier lebenden Menschen zwischen 1875 und 1914 in der finanziellen Lage auch neue Häuser zu bauen. Dies zeigt sich besonders an der großen Zahl gestellter und genehmigter Bauanträge. Die Gemeinden veränderten ihr Gesicht, es wurde z. B. in neue Straßen und gemeindeeigene Gebäude investiert. So wurde nach langwierigen Verhandlungen zwischen den Gemeinderäten Ober- und Nieder-Ingelheim die Bahnhofstraße gebaut, die Mainzer- und Bingerstr. ausgebaut und gepflastert, Turn- und Markthallen, Schulen und Kleinkinderschulen gebaut. Der Bau des Bismarckturms auf dem Westerberg in Ober-Ingelheim war Ausdruck des sich verfestigenden nationalen Geistes nach dem Krieg von 1870/71gegen Frankreich.

Der 1. Weltkrieg

Der 1. Weltkrieg (1914-1918) unterbrach den wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung der Gemeinden und brachte vielen Familien vielfaches Leid. Nach Ende des Krieges und der Besatzung durch Frankreich wurde in jeder Gemeinde ein Kriegerdenkmal zu Ehren der Gefallen aufgestellt. Die Wirtschaft erlitt erhebliche Rückschläge. Besonders die fehlenden männlichen Arbeitskräfte machten sich bemerkbar. Zwischen 1915 und 1919 wurden in den vier Ingelheimer Gemeinden – wie im gesamten Deutschland – Kriegsgefangene als Ersatzarbeitskräfte in der Landwirtschaft und kriegswichtigen wirtschaftlichen Betrieben eingesetzt. Die Bautätigkeit brach in diesen Jahren fast vollständig ein. Nur wenige Bürger hatten den Mut und das Geld ein Haus zu bauen. Von 1914 bis 1915 sind 13 Bauanträge gestellt worden, von 1916 bis 1918 nur 4 Anträge. Erst ab 1919 trat wieder eine verstärkte Bautätigkeit ein.

Mit dem Vertrag von Versailles 1919 endete der 1. Weltkrieg. In den Verhandlungen in Paris wurde beschlossen, dass die linksrheinischen Gebiete als Reparation durch die französischen Kriegsgegner besetzt werden. Dies galt auch für alle rheinhessischen Gemeinden. Unter französischer Besatzung änderte sich das Leben der Bevölkerung dramatisch. So wurden 1923 aufgrund passiven Widerstands der Eisenbahner gegen die Besatzer viele Männer mit ihren Familien des Landes verwiesen. Sie zogen in die nichtbesetzten rechtsrheinischen Gebiete, in den Volksstaat Hessen oder auch nach Hamburg. Unter ihnen befanden sich neben dem Nieder-Ingelheimer Bürgermeister Leonhard Muntermann und dem evangelischen Pfarrer Adolf Korell auch der Gründer der Firma Boehringer, Albert Boehringer, sowie der Redakteur Alexander Burger. Die Ausgewiesenen durften ab 1924 wieder in ihre Heimatorte zurückkehren.

Machtergreifung der Nationalsozialisten

1933 wurde die Weimarer Republik durch die Machtergreifung des Nationalsozialismus abgelöst. Die Lage vieler Menschen in Deutschland veränderte sich durch Gleichschaltung von Politik, Wirtschaft und Kultur grundsätzlich. 1935 übertrug die nationalsozialistische Regierung dem bis dahin eingesetzten Gauleiter der NSDAP, Jakob Sprenger, die Führung der Landesregierung des Volksstaates Hessen mit Sitz in Frankfurt am Main.

 

Quelle: Stadtarchiv Ingelheim/Barbara Timm

 

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